
Die Tür ins Fremde
Welch Überraschung: ein alter Coachingkunde bittet mich seine Führungsmannschaft – einen nach dem anderen – durch ihren Führungsalltag zu begleiten und Ihnen Feedback “von aussen” zu geben. Vor allem im Hinblick auf ihr Verhalten mit den einheimischen KollegInnen und MitarbeiterInnnen. Auch wenn mir Kontinent und Kultur nicht fern sind, gibt es sicher ausgewiesenere Spezialisten für interkulturelle Fragen dieser Provenienz. Dennoch: was bemerkt man nun für Kulturunterschiede? Vor allem folgende: die Deutschen gehen die Dinge projektorientiert mit dem Zeitplan im Hinterkopf direkt an. “Wir wissen doch alle, wofür wir hier sind!” Dieser energische Zugriff, der manchesmal auch auf Aktionismus hinausläuft, wird von den Einheimische nicht verstanden. Hier steht der Aufbau einer persönlichen Bindung ganz vorne: in Besprechungen fragt man zunächst nach dem Wochenende, den Kindern und zieht gemeinsam die Brauen über die neuesten Kapriolen der Politik hoch. Man umarmt sich, schlägt sich auf die Schulter, versichert sich der gegenseitigen Nähe. Die Deutschen klicken mit ihren Kugelschreibern auf den Tisch, schauen verzweifelt in die Luft und wollen endlich das nächste Problem verfrühstücken. Jenseits von Aufgaben- bzw. Personenorientierung zeigt sich die Wirkmächtigkeit unterschiedlicher kultureller Prägungen: die Stabilität und Berechenbarkeit gewöhnten Deutschen legen sich nach Kräften ins Zeug. Nach ein, zwei Jahren wird ihnen ein Projekterfolg den weiteren Karriereweg mit hoher Wahrscheinlichkeit ebnen. Die krisenerfahrenen Südamerikaner wissen aus ihrer Sicht, dass Arbeitsplatzsicherheit nichts mit der eigenen Leistung oder dem erfolgreichen Durchhalten eines Großprojektplanes zu tun hat. Das familiäre und persönliche Sicherungsnetz ist die Existenzversicherung. Die Qualität der eigenen Arbeit hatte bei ihnen noch nie diese Bedeutung.
Die Frage nach der richtigen Anschauung führt ins Leere. Nur das allmähliche Sich-vertraut-Machen mit dem anderen kulturellen Code kann vertrauensvolle Zusammenarbeit ermöglichen. Ein Prozess, der vor allem Geduld braucht – auch wenn das anberaumte Grossprojekt scheinbar keine Zeit dafür lässt.